Willkommen bei Lehmexpress

Geschichte des Lehmexpress 1997 - 2017

2014
Projekt Kasbah Asslim 2004

Riss- Sanierung im alpinen Stil.

Der LEHMEXPRESS sanierte die Mauerkronen und die Dachterassen der Kasbah Asslim im Süden Marokkos.

Auch in diesem Jahr fand sich wieder eine Gruppe Menschen, um mit der priv. Hilfsorganisation LEHMEXPRESS die Restaurierung der alten Lehmburg fortzuführen. Sechs Personen aus Deutschland, Norwegen und Spanien fuhren mutig und willig zur Familie Ait el Caid, um das von Manfred Fahnert geplante Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Gleichzeitig wurde der im vergangenen Jahr fertig gestellte "Raum für den Frieden in der Welt" in ein Museum verwandelt. Die künstlerische Gestaltung übernahm hierbei die Bonner Künstlerin Antonia Wenzlawsky. Zur Ausstellung sollten Arbeiten der Studentengruppe um Prof. Dr. Wirth von der Universität Weimar kommen. Diese Gruppe erarbeitete eine Exposition über Besiedlung, Klima, Vegetation und Kultur des Draa-Tales im Süden Marokkos.




Das Team 2004
Das Team 2004

Hinzu kamen exakte Bau-Pläne der alten Kasbah Caid Ali die im vergangenen Jahr vor Ort vermessen wurden. Die Ausarbeitung hängt nun, auf Holzplatten befestigt, in den Räumen aus und wird durch Fotos der Lehm- Architektur der Region ergänzt.

Auch gibt es jetzt eine Auswahl von Keramiken der Arbeitsgruppe um Iris Florstädt aus Dresden.
Dieser Workshop findet im Rahmen des LEHMEXRESS seit zwei Jahren bei dem ortsansässigen Töpfer Khinini Madani statt. Er vermittelt die traditionelle Töpferkunst der Berber. Hergestellt werden Wasserkrüge, Tagine- und Couscous-Schalen und auch die freie Kunst kommt nicht zu kurz.

Im Museum soll der wissbegierige Besucher die Möglichkeit zum Studium der südmarokkanischen Architektur- und Lebensform bekommen. Dort befindet sich auch eine von Manfred Fahnert gestiftete Literatursammlung zu diesem Thema. Das Studium kann außerdem durch die Semesterarbeiten der Weimarer Studentengruppen aus den vergangenen sechs Jahren vertieft werden. Diese ist mittlerweile so umfangreich, das ein Besuch lohnenswert ist. Sie umfasst Lehm- und Tonanalysen, Schadensermittlungen, ökologische Sanierungskonzepte, Statiken und Fotodokumentationen beider Kasbahs und des Arkadenhofes.

Risssanierung im alpinen Stil
Risssanierung im alpinen Stil
Risssanierung im alpinen Stil
Risssanierung im alpinen Stil

Aber gearbeitet wurde auch. Hoch oben auf der Sichtfassade der Kasbah wurden die maroden Mauerkronen und Estriche abgetragen und erneuert. Dies geschah unter Mitarbeit der Handwerker, die für die Sippe arbeiten. Zwei Turmkronen und der Zwischenbau wurden mit leicht gebrannten Lehmziegeln aufgemauert. Diese fertigte der Mallem Khinini Madani für uns im Vorfeld. Er war unglaublich stolz uns bei der Arbeit zu helfen. Danach wurden die Zinnen (Takajüts) erneuert und mit kalkvergütetem Lehmmörtel verputzt. Als technische Neuerung diente eine mitgebrachte elektrische Seilwinde, die erheblich zur Entlastung der Helfer beitrug. In den vorangegangenen Jahren wurden die Mörteleimer von Hand über die teilweise defekten Treppen nach oben gebuckelt, welches so manchen Helfer an den Rand der Ohnmacht brachte. Dies geschieht bei teilweise sengender Sonne oder orkanartigen Winden, der den Staub in die Augen treibt. Einhellig stellten wir fest: wir müssen schon ganz schön besessen sein, um sich diesen Torturen auszusetzen.

Das größte Problem in dieser Region ist die Trockenphase der Putze. Innerhalb kürzester Zeit trocknen sie aus und verlieren dadurch ihre Festigkeit. Dies wurde dann das größte Problem bei den Kalkestrichen für die Terrassen, die mit Kasein veredelt wurden. Sie müssen lange feucht bleiben, damit sie chemisch abbinden. Ohne Hilfestellung trockneten sie in kürzester Zeit aus und waren danach sandig. Es blieb nichts weiter übrig, als eimerweise Wasser hinauf zu befördern und mit Plastikfolien den Trocknungsprozess zu verzögern.

Dies war aber nicht das größte Problem dieses Workshops. Der vertikaler Riss im Süd-Westturm beunruhigte die Familie schon seit Jahren. Im letzten Jahr vergrößerte er sich zusehends und es war Eile geboten etwas zu unternehmen. Unter dem Turm liegt das Schlafzimmer der drei Kinder von Hassan.

Zuhause wurde mit dem Statiker Gerd Henrizi aus Flammersfeld eine zugfeste Konstruktion entwickelt, der die abklappende Wand mit dem restlichen Mauerwerk verbindet. Gewählt wurde ein Stahlseil, dass an den Enden mit 30x30cm großen Eisenplatten verbunden wurde.

Mit einer Spannvorrichtung wurden die Platten gegen das Mauerwerk gespannt, sodass die Mauer sich nicht mehr nach außen neigen kann. Diese Verbindung wurde in den Lehmfußboden der Dachterrasse eingelassen und ist dadurch nicht mehr zu sehen. Der Riss wurde mit Druckluft gereinigt, verschalt und mit einem Schnellzement ausgegossen.
zugfeste Konstruktion
zugfeste Konstruktion
Die Schwierigkeit bestand hauptsächlich darin, die Verschalung von außen an der Fassade anzubringen. Da es in Marokko so gut wie kein Gerüst gibt, mussten wir auf die bewährte alpine Abseiltechnik mit Sitzgurt, Karabiner und Kletterseil zurückgreifen. Über die Mauerkrone abgeseilt, von oben mit Material versorgt, konnten wir die Verschalung und die anschließende Verputzarbeit problemlos bewerkstelligen. Die einheimische Bevölkerung geriet natürlich in helle Aufregung, als sie jemanden an der Fassade hängen sahen.

Jetzt müssen wir abwarten, ob sich die Verankerung bewährt. M`Barek, ein Sohn der Familie, fand dies das beste Geschenk seit zehn Jahren für seine Familie. Wünschen wir Ihnen, dass sie jetzt ruhiger schlafen können.


Geschlossener Riss
Ein geschlossener Riss


Bei der Arbeit - Restaurierung der Takajüts
Bei der Arbeit - Restaurierung der Takajüts

Zum Abschied wurde natürlich wieder gefeiert. Achwasch stand auf dem Programm. Diese traditionelle Musikform der Berber dieses Gebietes besticht durch seinen einfachen aber mitreißenden Rhythmus. Eine große Trommel, mit zwei dicken Palmen wedeln gespielt, gibt den Grundton in dieser Musik. Tambourin und Gesang ergänzen diesen. Dazu wird im Stehen geklatscht und sich rhythmisch bewegt. Spätestens nach einigen Minuten ist man verzaubert und in eine andere Welt versetzt. Wir vergessen unsere Gedanken und erinnern uns ganz fern daran, dass dies uns irgendwie bekannt vorkommt.
Dies war der Abschied. Die einen fuhren in die Wüste, andere flogen sofort zurück, der Rest entspannte sich und genoss die Ruhe in der Oase unter den Dattelpalmen.

Für das nächst Jahr gibt es noch vier weitere Türme und zwei Dachterrassen inklusive der Mauerkronen zu sanieren. Zudem ist die Decke eines Treppenturmes so desolat, dass sie ausgewechselt werden muss.


Frischer Kalk-Kasein-Estrich
Ein frischer Kalk-Kasein-Estrich

Die Kasbah mit neuen Takajüts vor dem Hinterland
Die Kasbah mit neuen Takajüts vor dem Hinterland

Eine Zusammenarbeit mit der dortigen Denkmalbehörde steht an. Die Probleme der Rissbildung an den großen Lehm-Kasbahs. Sie bringen große statische Probleme mit sich. Da sie einmal von konstruktiven Mängeln, zum anderen von geologischem Ursprung sind, müssen sie im Vorfeld genau betrachtet und analysiert werden.

Die Rissbildungen der Kasbah resultieren aus diesen beiden Gründen. Da sich die bauliche Konstruktion vor circa 150 Jahren in dieser Region verändert hat, bekommen diese Gebäude, durch die enorme Höhe von bis zu 20m, in den Außenmauern Risse. Diese entstehen durch die in den Stockwerken nach oben versetzen Mauern. Sie verjüngen sich in jedem Stockwerk. Spannungen, die sich durch die enorme Sonneneinstrahlung entstehen, führen zu Abrissen zwischen den an den Gebäudeecken angebauten Türmen und den Zwischenwänden. Da die gestampften Elemente der einzelnen Bauwerke nur ungenügend verbunden sind (durch eingelegte Palmenhölzer), reißen sie voneinander ab und große Wandflächen haben keinen Halt mehr. Die Anordnung von Fenster in den unteren Gehschoßen bringt einen solchen statischen Druck, der sich durch vertikale Risse sichtbar macht. Das Gebäude setzt sich. Da der Atlas ein geologisches Erdbebengebiet ist (die afrikanische Platte schiebt sich auf die Europäische) führten zwei leichte Beben in den letzten 60 Jahren zu den sichtbaren Mängeln in der Statik der Kasbah Asslim. Durch ein geologisches Gutachten durch die heimische Denkmalpflegeorganisation CERCAS wurde festgestellt, dass die Probleme durch die Beben nicht so gravierend sind, wie angenommen wurde. Auch führte ein Unwetter und ein verstopfter Wasserabfluss zu einer Durchweichung der Fundamente des Süd-Ostturmes. Dieser setze sich in Folge vom Hauptgebäude. Zusätzlich steht das Gebäude auf drei verschiedenen Geländestufen welches für zusätzlich Spannungen im Mauerwerk führte.

Durch die Betrachtung all dieser Faktoren sind wir zu dem Schluss gekommen, die bestehenden Risse mit Schwefel zu verfüllen. Dieser natürliche Stoff hat die Eigenschaft den Lehm wieder zu verkleben. Die statischen Eigenschaften werden wieder hergestellt. Es existieren Erfahrungswerte des Lehmexperten Martin Rauch aus Österreich, die dies belegen. Durch Gespräche mit internationalen Fachleuten entwickelt sich eine Zusammenarbeit mit der marokkanischen Denkmalpflegeorganisation. Das Ziel des LEHMEXPRESS ist der Austausch von Fachwissen als Hilfe für den Erhalt denkmalgerechter Architektur. Es gibt weltweit wenig Kenntnisse um diese Probleme. Nur wenige Experten haben praktische Erfahrung. Es ist immer ein Arbeiten im Ungewissen mit der Hoffnung auf Erfolg. Trotzdem ist das Experimentieren besser, als nichts zu tun.

Fertig restaurierte Takajüts
Fertig restaurierte Takajüts
Im Museum
Im Museum
Im Oktober wird die Kasbah Asslim als Großmodell auf dem Stand des Dachverbandes LEHM auf der "Denkmal 2004" in Leipzig gebaut. Dies ist mit über 400 Ausstellern die größte Denkmalpflegemesse der Welt und steht unter dem Motto "Weltkulturerbe aus Lehm". Anlässlich der Erdbeben im Iran und Marokko gibt es einen Austausch um das Fachwissen Lehmbau in der Restauration. Interessierte können unter www.dachverband-lehm.de Informationen einholen.

Weiter!
nach oben
© by Lehmexpress 2017